Schwarzer Tag für die FDP, blaues Auge für die SP
Von Marc Lettau. Aktualisiert am 29.03.2010
Mittelland-Nord
Wähleranteile im Wahlkreis Mittelland-Nord auf einen Blick: SVP 23,4%, SP 19,4%, BDP 18,6%, FDP 13,5% (inklusive Jungfreisinn), Grüne 9,1%, EVP 6,7%, GLP 5,1%, EDU 2,3%, CVP 2,0%.
Ganz ohne jede Einschränkung feiern, darf im Wahlkreis Mittelland-Nord praktisch nur Lorenz Hess. Mit seinen 11 014 Stimmen legt der bisherige BDP-Grossrat aus Stettlen ein individuelles Ergebnis vor, das alle anderen Kandidatinnen und Kandidaten im Wahlkreis etwas blass aussehen lässt. Aber bereits die Frage, ob die vier von seiner Partei errungenen Sitze nun ein blendendes oder nur ein gutes Ergebnis sind, lässt sich nicht schlüssig beantworten. Erstens fehlt der BDP – auch hier – die Vergleichsbasis. Und zweitens ist die Vergleichbarkeit mit früheren Wahlen im Wahlkreis Mittelland-Nord generell dürftig, denn die 2008 korrigierte Wahlkreiseinteilung war hier besonders einschneidend. Zum Wahlkreis Mittelland-Nord wurde auch das Fraubrunnenamt geschlagen und die dem Wahlkreis Emmental abgezwackte Region Konolfingen. Das dabei entstandene Gebiet ist nicht nur gross, sondern heterogen. Entsprechend anspruchsvoll war es hier, einen Wahlkampf zu führen, der sowohl in der im Freiburgischen gelegenen Enklave Clavaleyres wie auch im 60 Fahrkilometer entfernten und an den Kanton Solothurn angrenzenden Schalunen ankommt.
Freisinniger Krebsgang
Die veränderte Wahlgeografie erklärt zwar einige der Schwierigkeiten für die Parteien, nicht aber ihre auffälligsten Verluste. Illustrieren lässt sich dies am Beispiel der glücklosen Freisinnigen. Die Partei trat mit fünf Bisherigen an, die aber – wegen der neuen Grenzziehung – längst nicht allen Wählerinnen und Wählern als vertraute Gesichter erschienen. Dass aber schliesslich die bisherigen Grossrätinnen Franziska Fritschy (Rüfenacht) und Eva Desarzens (Boll) abgewählt wurden, liegt primär am generell schlechten Abschneiden der Partei. In der Mehrzahl der Gemeinden ist die FDP hinter die Grünen und deutlich unter die 10-Prozent-Marke gefallen. Die FDP muss sich sogar mit der Tatsache vertraut machen, dass sie in einzelnen Kommunen mit 0,0 Prozent auf dem Resultatblatt figuriert. Da nützt ein Spitzenergebnis wie jenes aus Muri – dort ist die FDP mit 23,0 Prozent Wählerstimmen stärkste Partei – höchstens noch für etwas Resultatkosmetik.
Zerfallende SP-Hochburgen
Hinter der unbestrittenen Spitzenreiterin SVP (Wähleranteil 23,4%) konnte sich die SP im Wahlkreis Mittelland-Nord als zweitstärkste politische Kraft (19,4%) ins Ziel retten. Beide Parteien eroberten fünf Mandate. Im Falle der SP ziehen alle fünf Bisherigen wieder ins Rathaus ein. Die Genossinnen und Genossen wissen freilich, dass ihnen dieses Resultat ziemlich schmeichelt und die herben Verluste ihrer Partei etwas kaschiert. Die SP verlor in einigen ihrer Hochburgen – Ostermundigen, Worb, Zollikofen – acht Prozentpunkte und mehr. Oder dramatischer ausgedrückt: Ihr Wähleranteil brach dort um einen Drittel ein. Dass sich die SP gleichwohl über die Wiederwahl ihrer Bisherigen freuen darf, ist unter anderem die Folge eines kleinen gegnerischen Geschenkes: FDP und SVP konnten sich auch auf Wahlkreisebene nicht zu einer Listenverbindung durchringen und schwächten sich so im Vergleich zum sozialdemokratisch-grünen Wahlpakt. Apropos Grüne: Auch für sie ist die Wiederwahl ihrer beiden Vertreterinnen Kathy Hänni (Kirchlindach) und Maria Ester Iannino (Hinterkappelen) bei durchs Band weg leicht rückläufigem Wähleranteil bereits der eigentliche Erfolg. Ins Gewicht fällt für sie, dass die erstmals antretenden Grünliberalen jede zwanzigste Wählerstimme sicherten und sich damit im Alleingang einen ersten Sitz im Wahlkreis eroberten.
EVP zurückgebunden
Trost braucht im Wahlkreis der wenigen Sieger und vielen Verlierer auch die EVP. Auch sie reiht sich unter die Verlierer ein: Nur zwei ihrer Bisherigen – der Worber Gemeindepräsident Niklaus Gfeller und Ruedi Löffel (Münchenbuchsee) – schafften die Wiederwahl. Gerhard Baumgartner (Ostermundigen) wurde abgewählt. Es ist, als hätte die Partei solches erahnt. Die EVP gehört nämlich zu jenen Parteien, die 2008 entschieden gegen die Wahlkreisreform warben und ein Modell forderten, das die Wahlchancen kleiner Parteien etwas verbessert. Heute kann allerdings auch die EVP den erlittenen Dämpfer im Wahlkreis Mittelland-Nord nicht allein der Wahlkreisreform anlasten: Sie verlor just in jenen Gemeinden, in denen sie noch 2006 verblüffend stark abgeschnitten hatte, zum Teil in empfindlichem Masse Wähleranteile. Fragen darf man sich schliesslich noch, ob im Norden des Mittellandes auch die Frauen auf der Verliererseite stehen, denn sie waren auf den Listen von SVP, BDP, GLP und JF eine auffällig rare Spezies. Aber: Dank zahlreichen wiedergewählten Bisherigen drücken jetzt neun Frauen den Frauenanteil auf geradezu beachtliche 40 Prozent hoch. (Der Bund)
Erstellt: 29.03.2010, 08:52 Uhr
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