Gesprächsbereiter Linker im Schnittstellenamt
Von Mireille Guggenbühler. Aktualisiert am 01.03.2010
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Zur Person
Andreas Rickenbacher Der 42-jährige Regierungsrat Andreas Rickenbacher ist im Seeland aufgewachsen und hat Betriebswirtschaft und Politologie studiert. Vor seiner Wahl in den Regierungsrat 2006, führte er seine eigene Firma, mit welcher er in den Bereichen Kommunikation und Management tätig war. Zuvor arbeitete er für das GfS-Forschungsinstitut von Claude Longchamp.
Zudem war er Verwaltungsrat mehrerer kleiner Firmen und des Spitalzentrums Biel. Seit 2006 führt er nun die Volkswirtschaftsdirektion. 1994 wurde der damals 26-Jährige für die SP in den Grossen Rat gewählt. Er stand der SP-Fraktion von 2000 bis 2006 als Präsident vor. In der SP Schweiz leitete er das Projekt «Revision Parteiprogramm». Andreas Rickenbacher ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Er wohnt in Jens im Seeland. (gum)
Etwas hat Regierungsrat Andreas Rickenbacher auch nach bald vier Jahren Amtszeit nicht verloren, das ist seine gute Laune. Stets wirkt dieser Mann zufrieden, in Einklang mit sich und seinem Amt. Es ist denn auch das, was Parlamentariern an der Person Andreas Rickenbacher auffällt: Er sei ein «gmögiger» Typ, sagt etwa FDP-Fraktionschef Adrian Haas. «Er hat ein sonniges Gemüt», formuliert es Kathy Hänni (grüne). Immer aufgestellt sei er, sagt auch SP-Grossrat Peter Bernasconi.
Man könnte dem ehemaligen Kommunikationsfachmann nun unterstellen, seine Fröhlichkeit in der Öffentlichkeit gezielt zu platzieren. Doch die Grossräte winken ab – auch jene, die das Heu nicht auf derselben politischen Bühne haben. Als Person ist Rickenbacher unumstritten: Er sei ein ganz umgänglicher Typ, sagt SVP-Fraktionschef Peter Brand. Als Regierungsrat müsse man auch mal vorbehaltlos zuhören können, findet BDP-Grossrat Lorenz Hess. «Das kann Andreas Rickenbacher gut.»
«Das Amt als Volkswirtschaftsdirektor befriedigt mich enorm», sagt dieser. «Die breite Themenpalette macht die Direktion einfach spannend.»
Dass der Volkswirtschaftsdirektor bei seinen Auftritten nicht gleich nach dem ersten Glas Weisswein verschwindet, diese Geselligkeit kommt an. Zum Beispiel bei den Jägern. Obwohl er ihnen in seiner bisherigen Amtszeit nicht nur Freude bereitet hat. Die Verschärfung der Jagdgesetzverordnung führte zu einem kurzen Zwist. «Die Verordnungsänderungen waren praxisfremd», sagt Lorenz Hess, selber Jäger. Rickenbacher zeigte sich nach der Kritik gesprächsbereit – einzelne Punkte in der Jagdverordnung wurden wieder aufgeweicht, die Jäger waren mehrheitlich zufrieden.
Ein kleiner Schock für die Bauern
Als Volkswirtschaftsdirektor hat es Andreas Rickenbacher viel mit Dossiers zu tun, deren Interessenvertreter oft Bürgerliche sind: Landwirtschaft, Jagd, Fischerei, Wirtschaftsförderung, Forstwirtschaft, Tourismus. Rickenbacher sagt, er habe am Anfang seiner Amtszeit bei den Begegnungen mit Bauern oder Wirtschaftsleuten gemerkt, dass sie «ein bisschen einen Schock» hatten. «Die dachten, jetzt kommt da so ein junger Linker, der alles ändern will.» Sicher ist: Der politische Handlungsspielraum des Volkswirtschaftsdirektors ist nicht unendlich. In den meisten politischen Bereichen seiner Direktion gibt es klare Vorgaben vom Bund. Zum Beispiel in der Landwirtschaft. Bei den Direktzahlungen etwa kann der Kanton kaum etwas bewegen. Rickenbacher hat aber versucht, beim Vollzug und bei der Umsetzung der vorgegebenen Leitlinien, vorhandenen Spielraum zu nutzen. Zum Beispiel, indem er mit finanziellen Anreizen die Bauern für bodenschonenderen Anbau begeistern will. Damit verfolgt Rickenbacher ein klares Ziel: Er will, wie er nach seinen ersten 100 Tagen im Amt sagte, dass der Kanton Bern in Ökologiefragen auf schweizerischer Ebene eine wichtige Rolle spielt.
Für BDP-Grossrat Heinz Siegenthaler, selber Landwirt, hat sich Rickenbacher allerdings zu stark auf «Ökologie und Biolandbau» fokussiert. Letzterer mache «nur einen Bruchteil der Berner Landwirtschaft» aus. Biobäuerin Kathy Hänni sieht es anders: übertrieben habe er nicht, es liege noch mehr drin.
Als Volkswirtschaftsdirektor steht Rickenbacher einer Querschnittsdirektion vor. Er ist zwar oberster Chef des Amts für Wirtschaft, die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft werden aber anderswo gesetzt. Etwa in der Finanzdirektion. Der Kontakt zu den anderen Direktionen sei gut und nötig, sagt Rickenbacher. «Ich kann die Dinge nicht alleine machen.»
Kritik der Wirtschaftsvertreter
«Ein guter Volkswirtschaftsdirektor wird daran gemessen, wie gut er sich bei den anderen Direktionen für die Wirtschaft einsetzt», findet Adrian Haas. Diesbezüglich habe der SP-Regierungsrat nicht viel bewegt. Obwohl Rickenbacher in der SP als wirtschaftsfreundlicher Genosse gilt und er «als Grossrat stets seine Sicht als Kleinunternehmer eingebracht hat», wie Peter Bernasconi sagt, haben bürgerliche Parlamentarier ein paar Wünsche an ihn offen: etwa ein «klareres Bekenntnis zu den Standortfaktoren, die relevant sind im Wettbewerb», so Haas. Aus FDP-Sicht wäre dies die Steuerbelastung im Kanton Bern. Ähnlich argumentiert SVP-Fraktionschef Brand. Sein Fazit: Die linke Ideologie komme Rickenbacher manchmal in die Quere, wenn es gelte, im Interesse der Unternehmen zu handeln.
Er mache eine «umfassende Wirtschaftspolitik», sagt Rickenbacher dazu. «Und die besteht nicht nur aus Steuersenkungen.»
Die für jeden Bürger spürbarste Handlung des Volkswirtschaftsdirektors war die Einführung des Rauchverbots in Gaststätten. Die Gegner bezeichneten dies als wirtschaftsfeindlich. Kürzlich erhielt Rickenbacher indes Lob vom einstigen Gegner Gastro Bern, wie er erstaunt, aber stolz erzählt: Das bernische Gesetz sei «intelligenter» als das Bundesgesetz, beschieden ihm Verbandsvertreter. (Der Bund)
Erstellt: 01.03.2010, 15:07 Uhr
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