Bern

Erziehungsdirektor erhält Spitzenzeugnis

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 24.02.2010

Der grüne Regierungsrat Bernhard Pulver geniesst quer durch alle Parteien grosses Ansehen. Erreicht hat er dies mit einer Mischung aus Fleiss, Leidenschaft, Beharrlichkeit und Kompromissbereitschaft. Seine Wiederwahl am 28. März ist unbestritten.

Bernhard Pulver in der Elfenau: Als Ausgleich zu seinem turbulenten Alltag sucht er ab und zu auch nach Ruhe in der Natur. (Adrian Moser)

Bernhard Pulver in der Elfenau: Als Ausgleich zu seinem turbulenten Alltag sucht er ab und zu auch nach Ruhe in der Natur. (Adrian Moser)

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Bernhard Pulver

Der heute 44-Jährige wurde 2006 mit dem viertbesten Resultat aller Kandidierenden neu in den Regierungsrat gewählt. Seither führt er die Erziehungsdirektion. Zuvor war Pulver Mitbegründer und langjähriger Generalsekretär der Grünen Partei Schweiz. 1998 bis 1999 sass der studierte Jurist für die Grüne Freie Liste im Stadtrat von Bern, bevor er dann in den Grossen Rat nachrutschte. Im ganzen Kanton bekannt wurde er vor allem als Präsident der Parlamentarischen Untersuchungskommission zum Debakel der Bernischen Lehrerversicherungskasse.

Beruflich war Pulver vor seiner Wahl in den Regierungsrat wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Justiz und Lehrbeauftragter für Staatsrecht an der Universität Neuenburg. Bernhard Pulver lebt mit seinem Partner in Bern.

«Vor vier Jahren hat man mich vor diesem Amt gewarnt», sagt Bernhard Pulver. Heute zeigt sich aber, dass der Posten des Erziehungsdirektors für den 44-Jährigen nicht zum Schleudersitz geworden ist. Kurz vor Ende der Legislatur sitzt er so fest im Sattel wie kaum ein anderes Regierungsmitglied. Kam seine Wahl 2006 noch einer Sensation gleich, würde es heute niemanden mehr erstaunen, wenn der grüne Politiker am 28. März viele Kandidaten der grossen Parteien hinter sich liesse.

Pulver geniesst nicht nur quer durch alle Parteien, sondern auch bei der Lehrerschaft grosses Ansehen. In den Schoss gefallen ist ihm dies nicht. Die Erziehungsdirektion steht von allen Seiten unter Beobachtung, beim Thema Bildung meint jeder, Fachmann zu sein, zudem sind die Ansprüche von Eltern, Lehrern, Gesellschaft und Politik enorm vielfältig. In diesem Umfeld politisch bestehen zu können, ist schwierig. Mit einer Mischung aus Fleiss, Leidenschaft, Beharrlichkeit, Überzeugungskraft und Kompromissbereitschaft hat es Pulver dennoch geschafft. Von der rot-grünen Regierungsmehrheit ist er wohl der Einzige, der selbst von der SVP Lob erhält: «Mein Daumen zeigt sicher nicht nach unten», sagt etwa Bildungspolitiker Werner Hostettler.

Lehrerschaft steht hinter Pulver

Zu Beginn seiner Amtszeit hatte Pulver kaum Ahnung vom Bildungswesen. Er arbeitete sich jedoch mit grossem Engagement in die Materie ein und suchte intensiv den Kontakt zu den Praktikern und Experten. Schnell erarbeitete er sich so den Ruf eines guten Zuhörers und Kommunikators. Insbesondere die Lehrerschaft, für die die Erziehungsdirektion lange Zeit regelrecht als Feindbild diente, fühlte sich plötzlich ernst genommen. «Die Hauptarbeit für die Bildung leisten Sie», schrieb Pulver nach seinem Amtsantritt in einem Brief an alle Lehrkräfte. Und er sagt immer wieder Sätze wie: «Gute Schule entsteht in den Schulzimmern und nicht in den Büros der Erziehungsdirektion.» Heute weiss er die Lehrerschaft praktisch geschlossen hinter sich. «Bernhard Pulver ist ein harter, aber fairer Verhandlungspartner. Er ist ein gewiefter Politiker und guter Anwalt für Bildung und Kultur. Ich kenne seine Gesprächsbereitschaft und weiss, dass er sich guten Argumenten nicht verschliesst», urteilt Martin Gatti, Präsident des Berufsverbands Lehrerinnen und Lehrer Bern.

Zu viel Anerkennung von der Lehrerschaft kann bei einem Erziehungsdirektor verdächtig sein – schliesslich existieren noch andere Interessen. Pulver hat in den letzten Jahren jedoch bewiesen, dass er sich nicht vereinnahmen lässt und die Gesamtinteressen des Kantons im Blick behält. Als weder finanzierbar noch prioritär lehnte er etwa die Reduktion des Pflichtpensums für Lehrkräfte ab. Die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts wollte er entgegen dem Willen des Berufsverbands ebenfalls nicht verschieben. Und er stellte sich auch gegen die von linker Seite verlangte Abschaffung der Selektion, um den neu gewonnenen Frieden in der Schule nicht zu gefährden. Die Kritik an solchen Entscheiden bleibt verhalten. Er habe Verständnis, dass Pulver die heikle Frage der Selektion nicht überstürzt anpacken wolle, sagt SP-Bildungspolitiker Andreas Blaser, dessen Partei die Forderung gestellt hatte. Am meisten Kritik erhält Pulver für die Umsetzung des Integrationsartikels. Er hat es weitgehend den Gemeinden überlassen, ob sie Sonderklassen auflösen und die Kinder in Regelklassen integrieren wollen oder nicht. Während sich die SP mehr Vorgaben durch den Kanton wünscht, stellt die SVP die Umsetzung grundsätzlich infrage. Die Erziehungsdirektion habe «überreagiert» und die Auflösung der Kleinklassen «forciert», kritisiert SVP-Grossrat Hostettler. Doch auch bei diesem heiklen Thema kam es bisher, anders als in anderen Kantonen, nicht zu offenem Widerstand von Eltern oder Lehrkräften. «Dank einer guten Kommunikation werden seine Projekte breit getragen», lobt die grüne Bildungspolitikerin Corinne Schärer Pulvers Arbeit.

Wie er selber sagt, möchte Pulver bei einer Wiederwahl weiter Erziehungsdirektor bleiben: «Ich war überrascht, wie viel man auf diesem Posten bewegen kann.» Tatsächlich hat er seinen Handlungsspielraum erfolgreich genutzt. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat er die flächendeckende Einführung von Tagesschulen und Blockzeiten durchgebracht. In kleinen Schritten verbesserte er zudem die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte. Das Harmos-Konkordat wurde im Kanton Bern ebenfalls unter anderem durch seinen persönlichen Einsatz angenommen. Gerade bei solchen gesellschaftspolitischen Themen war Pulver jedoch oft auf die Stimmen der FDP angewiesen. Auch diese ist ihm wohlgesinnt. Bildungspolitikerin Franziska Stalder-Landolf sagt: «Wenn er weiterhin so gut zwischen Mach- und Wünschbarem unterscheiden kann, werden wir seine Politik auch weiterhin unterstützen.» (Der Bund)

Erstellt: 24.02.2010, 08:32 Uhr

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