Bern

Ehrgeiziger Beamter mit dem Willen zur Macht

Von Reto Wissmann. Aktualisiert am 02.03.2010

Der freisinnige Sylvain Astier soll für die Bürgerlichen den Jurasitz zurückerobern. Als Grossrat hat er sich bisher eher mit markigen Worten als mit grossen Taten profiliert. Die nötige Führungserfahrung und Leidenschaft für das Regierungsamt bringt er aber mit.

Sylvain Astier vor dem Zentrum Paul Klee: Auf dem Chasseral, wo er eigentlich hätte fotografiert werden wollen, liegt noch zu viel Schnee. (Valérie Chételat)

Sylvain Astier vor dem Zentrum Paul Klee: Auf dem Chasseral, wo er eigentlich hätte fotografiert werden wollen, liegt noch zu viel Schnee. (Valérie Chételat)

Sylvain Astier

Der 34-jährige Sylvain Astier ist als Auslandschweizer in Frankreich aufgewachsen und hat in Paris Jurisprudenz studiert. Heute wohnt er mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen (5- und 1-jährig) in Moutier. Beruflich hat er sich in den letzten zehn Jahren im Bundesamt für Migration vom wissenschaftlichen Mitarbeiter bis zum Abteilungsleiter hochgearbeitet. Seine politische Karriere begann 1996 mit dem Eintritt in die FDP und seiner ersten von drei – erfolglosen – Nationalratskandidaturen. 2002 wurde er in den Grossen Rat des Kantons Bern und in den Stadtrat von Moutier gewählt. Vier Jahre später war er bereits Präsident der FDP des Berner Juras, seit 2008 ist er auch einer von drei Vizepräsidenten der FDP des Kantons Bern. Zudem ist Astier Mitglied der Interjurassischen Versammlung (AIJ).

Im zarten Alter von 34 Jahren soll Sylvain Astier am 28. März die politische Wende im Kanton Bern herbeiführen. Allgemein wird angenommen, dass sich die Frage, ob Rot-Grün weiter regieren kann oder die Exekutive wieder zur traditionellen bürgerlichen Mehrheit zurückkehrt, im Berner Jura entscheidet. Dort tritt der freisinnige Astier als gemeinsamer Kandidat von FDP, SVP und BDP gegen den Bisherigen Philippe Perrenoud von der SP an. Für Astier ist klar: Dies ist mehr Würde als Bürde. Der ehrgeizige Politiker liess sich denn auch nicht zweimal bitten: Schon früh meldete er Interesse an einer Kandidatur an. Die FDP nominierte ihn schliesslich einstimmig, und die anderen bürgerlichen Parteien sagten ihm die Unterstützung zu. Der Glanz wird jedoch getrübt, weil im ganzen bürgerlichen Lager schlicht kein anderer valabler Kandidat für den garantierten Jurasitz in der Regierung zu finden war.

Mit grossem persönlichen Engagement arbeitet Astier derzeit auf sein Ziel hin. Bis zum Wahlsonntag wird er 90 öffentliche Auftritte absolviert haben. Dies ist auch nötig, denn ausserhalb des Berner Juras kennt man ihn kaum. Aufgefallen ist er bisher vor allem als Vertreter seiner Region und insbesondere als vehementer Antiseparatist. Nur schon die Diskussion über die Abtrennung des Berner Juras lehnt er kategorisch ab. Er ist zwar Mitglied der um Ausgleich bemühten Interjurassischen Versammlung, unterzeichnet dort aber Minderheitspapiere, in denen der Kanton Jura als «imperialistischer Kampfstaat» bezeichnet wird, der die Bevölkerung des Berner Juras «in Geiselhaft» nehme. Vollends den Eindruck eines Eiferers hinterlässt er, wenn er sogar die Subventionen an die Bieler Plastikausstellung infrage stellt, weil dort die separatistischen Béliers eine Kopie des Unspunnensteins zeigten.

Kompromisslos in der Jurafrage

Als Regierungsrat wäre Astier auch für das Juradossier verantwortlich. Im Gespräch lässt er keinen Zweifel daran, dass er an seinen Positionen festhalten würde. Für Maxime Zuber ist deshalb klar: «Astier ist ein gefährlicher Mann», der den innerjurassischen Dialog gefährde, sagt der separatistische Stadtpräsident von Moutier, der ebenfalls für den Jurasitz kandidiert. Aber auch Gemässigte zweifeln, ob Astier der Richtige wäre, um das Juradossier zu betreuen: «Er hat sich nicht gerade als Mann des Dialogs profiliert», sagt SP-Präsidentin Irène Marti. Im bürgerlichen Lager teilt man diese Sorgen naturgemäss nicht: «Ich bin überzeugt, er wird das Juradossier vernünftig und pragmatisch betreuen», sagt Dieter Widmer, Fraktionspräsident der BDP. In seinen acht Jahren im Grossen Rat habe sich Astier gewandelt. Heute gehe er überlegter und weniger ungestüm an die Themen heran.

Auch SP-Präsidentin Marti hat bemerkt, dass der Schnellsprecher seit seiner Nomination umgänglicher und kommunikativer geworden ist. Insgesamt fiel Astier während seiner Zeit als Grossrat aber doch eher durch markige Worte – etwa im Asyl- oder Sicherheitsbereich – als durch kluge strategische Schachzüge auf. Fragwürdig war etwa seine Reaktion auf die Anti-SVP-Krawalle im Jahr 2007. Obwohl er als Jurist über die Gewaltentrennung orientiert sein müsste, forderte Astier von der Regierung, sie solle von der Justiz «exemplarische Strafen» für die «Linksextremen» verlangen.

Kürzlich hat Astier nun sein Themenfeld über die Jura- und Migrationspolitik hinaus auf die Gesundheitspolitik ausgeweitet – angesichts seines Gegners, SP-Gesundheitsdirektor Perrenoud, ein etwas gar durchsichtiger Schachzug. «Das bernische Gesundheitswesen wird nicht gut geführt», sagt Astier, und um seine Kompetenz in dieser Frage zu unterstreichen, betont er, sein Vater sei Arzt und seine Mutter Krankenschwester. Vor dem heissen Eisen Spitalschliessungen schreckt er aber zurück, solche seien nicht nötig, um die Kosten zu senken.

Klar rechtsbürgerliches Profil

Viel bewegt hat Astier im Kanton Bern bisher nicht, das müssen selbst seine bürgerlichen Freunde eingestehen. Er bringt aber den nötigen Ehrgeiz, die Ausbildung und Führungserfahrung, Leidenschaft für Politik sowie grosses persönliches Engagement und den Willen zur Macht für das Amt als Regierungsrat mit. Astier hat zudem ein klar rechtsbürgerliches Profil. Damit ist er nicht nur für seine liberalen Parteigänger, sondern auch für die SVP- und BDP-Wählerschaft ein valabler Kandidat. Und Astier ist im Gegensatz zu Annelise Vaucher (heute bdp), die vor vier Jahren beim Kampf um den Jurasitz chancenlos blieb, ein Mann und wird erfahrungsgemäss nur schon deshalb im bürgerlichen Lager mehr Stimmen holen. Seine Chancen, Perrenoud aus dem Amt zu drängen, sind also intakt. Zwei Handicaps hat er jedoch: Erstens geniesst sein Gegner Perrenoud den Bonus des Bisherigen. Und zweitens wird Astier wegen seiner kompromisslosen Haltung in der Jurafrage weniger Stimmen bei den Romands holen — und diese spielen in der Ausmarchung um den garantierten Jurasitz eine besondere Rolle. (Der Bund)

Erstellt: 02.03.2010, 09:39 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland





Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Bern

Populär auf Facebook Privatsphäre


Studienberaterin gibt Tipps

Wie man ein Fernstudium erfolgreich meistert

Online-Wettbewerb

Gewinnen Sie einen Tageseintritt im Bernaqua.
Jetzt mitmachen!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Liveschiff mit Plüsch

Am 1. Juni 2012 gastieren die Berner Oberländer Mundartrocker auf dem Thunersee.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.