Bern

Gelungener­ Start mit nackten Menschen

Von Felicitas Ammann. Aktualisiert am 19.10.2009

Das Festival Tanz in. Bern startet düster, aber furios: Der belgische Tausendsassa Wim Vandekeybus zeigt in «nieuwZwart» wie das «neue Schwarz» aussehen könnte.

Am Anfang steht zartes Rascheln. Ein Meer aus Silber- und Goldfolie bedeckt den Boden, Wogen heben sich zögernd und rollen davon. Dann spuckt das glitzernde Meer sieben nackte Menschlein aus, und das Leiden beginnt. Sie krümmen und winden sich, bäumen sich auf und lassen sich zu Boden schmettern. Und dazu ächzen und schnaufen sie, dass es einen erbarmt. Später sind die hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer eher aggressiv als masochistisch. Ein ums andere Mal prallen die Körper mit voller Wucht aufeinander. Keiner weicht aus. Wenns gut kommt, hebt einer den andern elegant in die Luft. Sonst prallen sie eben zusammen.

Die fabulöse Kylie Walters

Über der Bühne schwebt eine dreiköpfige Band und macht mit düsterem, treibendem Sound noch mehr Dampf. Und dazwischen turnt die fabulöse Kylie Walters herum und spricht Texte von Peter Verhelst. Das ist in einigen Momenten etwas viel des Guten, doch über weite Strecken enorm fesselnd und berührend. Die rohe Körperlichkeit der Tanzenden enthüllt ihre Kraft ebenso wie ihre Verletzlichkeit. Die Bewegungen sind direkt und elementar, fügen sich aber immer wieder überraschend zu abstrakten Gruppenchoreografien zusammen. «nieuwZwart», neues Schwarz, heisst das Stück, das eher zeitlos wirkt als neu. Vandekeybus, der seit den 1980er-Jahren international gern (und in der Schweiz leider eher selten) gesehen wird, beweist damit, dass seine Stücke immer noch auf der Höhe der Zeit sind.

Auch in Bern schaut man lieber nach vorn als zurück. Denn vor zwei Jahren ging hier eine Ära zu Ende. Die Macher der Tanztage hörten nach zwanzig Jahren überraschend auf. Noch in den 1990er-Jahren waren sie Pioniere. Sie brachten den zeitgenössischen Tanz nach Bern und schafften es, mit zugänglichen und mit gewagten Produktionen ein treues Stammpublikum aufzubauen. Doch die Zeiten änderten sich. Zeitgenössischer Tanz war plötzlich das ganze Jahr über zu sehen, die berühmten Compagnies wurden immer teurer, und die Gelder blieben knapp. Die Tanztage sahen weder eine Lösung noch die Notwendigkeit, weiter zu kämpfen. Also Schluss, aus.

Stadt und Dampfzentrale wollten sich damit nicht abfinden und machten ein neues Konzept. Das Resultat heisst Tanz in. Bern – und es scheint tatsächlich die zeitgemässe Form der Tanztage zu sein. Die Mischrechnung geht auf. Das Programm ist vielfältig und anspruchsvoll, das Publikum interessiert. Der ausverkaufte Eröffnungsabend jedenfalls macht bei aller Düsterkeit gute Laune. (Der Bund)

Erstellt: 19.10.2009, 14:14 Uhr


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