Bern

Fest der Dekadenz am Tanzfestival

Von Lena Rittmeyer. Aktualisiert am 02.11.2009

Das Kollektiv Superamas und der Performance-Künstler Steven Cohen machen am Festival «Tanz in. Bern» den Abschluss – mit einer brillanten Medienkritik und einem provokanten Filmauftritt.

Jeder begrapscht jeden in der Cüpli-Truppe, welche die Superamas in «Empire (Art & Politics)» antanzen lassen. (Giannina Urmeneta Ottiker)

Jeder begrapscht jeden in der Cüpli-Truppe, welche die Superamas in «Empire (Art & Politics)» antanzen lassen. (Giannina Urmeneta Ottiker)

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Am Samstag ist «Tanz in. Bern» mit den Aufführungen von Superamas und Steven Cohen zu Ende gegangen. Die Veranstalter zeigen sich erfreut über die zweite Auflage des Festivals, dessen 12 Produktionen eine Auslastung von 80 Prozent aufwiesen. Die erste Auswertung einer Publikumsumfrage ergab, dass die Zuschauer zu 60% aus der Region Bern stammen, zu 32% aus der übrigen Schweiz und zu 8% aus dem Ausland. Die 3. Ausgabe des Festivals «Tanz in. Bern» ist in Planung; sie wird vom 20. Oktober bis 7. November 2010 stattfinden. (klb)

Die Bühne ist in völlige Dunkelheit getaucht, nur eine Kamera mit Besatzung und montiertem Licht rollt zum atmosphärischen Song «Gangsta’s Paradise» langsam aus der Ecke nach vorne. «Cut!», ruft der Regisseur, und ab da wähnt man sich für den Rest des Abends im falschen Film.

Die Künstlergruppe Superamas aus Belgien, Wien und Paris führt die Zuschauer in ihrer brillanten Produktion «Empire (Art & Politics)» an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, die Zeit des Wiener Kongresses, als nach der Niederlage Napoleons die Grenzen innerhalb Europas neu gezogen werden mussten. Mit sekundenschnellen Licht- und Szenenwechseln springt der Fokus im Stile eines überzeichneten Kostümfilms vom lärmigen Schlachtfeld ins dekadente Hinterzimmer, wo den Damen vor Üppigkeit ihre Dekolletés überquellen. Heroische Tableaus, bewegte Gemälde und mit viel Herzblut gekämpfte Schlachten parodieren nicht nur eine heutige Filmsprache, sie füllen die Bühne auch mit hervorragend inszeniertem Fotomaterial für Geschichtsbücher.

Und als sich die Heere zu Michael Jacksons «Beat It» duellieren, kann man nicht mehr bestreiten, dass die choreografierte Video-Clip-Ästhetik auch aus einem historischen Ereignis wie einem blutigen Krieg für den postmodernen Menschen ein entfremdetes Sinneserlebnis zaubern kann.

Hedonistische Parallelgesellschaft

Woraus man unsanft wieder herausgerissen wird. Auf einen Schlag strömt die ganze Filmcrew hervor, mit von der Partie auch der französische Botschafter mit Ehefrau und aphrodisierender Tochter, natürlich in steter Begleitung eines Kamera- und eines Tonmannes, die durch ihr jeweiliges Medium auch immer das Geschehen erzeugen.

Nach Drehschluss wird ausgiebig gefeiert. Eine hedonistische Parallelgesellschaft entsteht: Nervöse Cüpli-Lacher mischen sich unter banale wie peinliche Gesprächsfetzen, Phrasen aus der Kunst- und Medienbranche werden gedrescht, jeder begrapscht jede.

In «Empire (Art & Politics)» setzen die Superamas zu einer Medienkritik an, die dank bemerkenswerter Selbstironie auch die Künstlergruppe selbst als ignorante, selbstverliebte Konstrukteure einer Realität ausstellt. Sei es als fechtende Krieger im historischen Kostüm oder als Ex-Playmates im Cocktailkleid: Die Kamera zeichnet auf, es ist nur hörbar, was das Mikrofon aufnimmt. Das Medium definiert die Öffentlichkeit.

Auch Napoleon mischt sich noch unters Partyvolk, Jahrhunderte treffen aufeinander, und als zu guter Letzt ein Feuerwerk am Himmel seine Farben versprüht, dann klingt das ein bisschen wie 1800 auf dem Schlachtfeld.

Wesen von einem anderen Stern

Das Masslose interessiert auch Steven Cohen, der in der Filmeinspielung «Chandelier» mit einem umgehängten Kronleuchter, schwindelerregend hohen Hacken und kunstvoll bemaltem Gesicht inklusive Davidsstern auf der Glatze durch die Slums von Johannesburg stöckelt. Wie ein Wesen von einem anderen Stern, zerbrechlich und doch irritierend, provoziert Cohen die unterschiedlichsten Reaktionen auf seinen ausgestellten Überfluss und setzt ein westliches Ästhetik- bzw. Kunstempfinden einem völlig anderen Kontext aus.

(Der Bund)

Erstellt: 02.11.2009, 14:20 Uhr


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