Bern

Die Tanzpreisgewinner an der Strasse von Gibraltar

Von Felizitas Ammann, Tanger. Aktualisiert am 23.10.2009

Das Duo Zimmermann & de Perrot hat für die Groupe Acrobatique de Tanger ein Stück kreiert. Besuch bei den Gewinnern des Schweizer Tanzpreises 2009.

Martin Zimmermann und Dimitri de Perro werden am Montag in Bern mit dem Schweizer Tanz- und Choreografiepreis geehrt. (fat)

Martin Zimmermann und Dimitri de Perro werden am Montag in Bern mit dem Schweizer Tanz- und Choreografiepreis geehrt. (fat)

Tanz in. Bern

Zimmermann & de Perrot nehmen am kommenden Montag im Rahmen des Festivals Tanz in. Bern den Schweizer Tanz- und Choreografiepreis 2009 für ihre Produktion «Öper Öpis» entgegen. www.tanzbern.ch

Strategisch gut an der Strasse von Gibraltar gelegen, war Tanger schon immer ein Anziehungspunkt. Heute kreuzen sich hier afrikanische Flüchtlinge und spanische Tagestouristen. Bis in die 50er-Jahre aber war die marokkanische Hafenstadt Freihandelszone und Steuerparadies: ein Eldorado für Glücksritter, und ein Magnet für Künstler, von Henri Matisse bis William S._Burroughs, der in Tanger «Naked Lunch» schrieb. Sie alle suchten hier nicht Afrika, sondern ihr idealisiertes Bild vom Orient. Dieses fanden sie zum Beispiel in der Bar des Luxushotels al-Minzah, die auch als Vorbild für die Filmkulissen von «Casablanca» gedient haben soll.

Eine Anfrage aus Tanger

In dieser immer noch wunderschönen Bar unterhalten wir uns mit Martin Zimmermann und Dimitri de Perrot. Was hat ausgerechnet sie nach Tanger gelockt? Die zwei Perfektionisten arbeiten üblicherweise zurückgezogen an einer Produktion. Ihre Bühnenstücke aus Körper, Raum und Musik sind abstrakte Kunstwerke, in denen universelle Themen auftauchen, aber keine aktuelle Zeitgeschichte. «Für Marokko oder für den Islam haben wir uns nie speziell interessiert», bestätigt Martin Zimmermann. Nach Tanger sind sie nicht gekommen, um sich Inspiration zu holen, sondern weil man sie angefragt hat, für die Groupe Acrobatique de Tanger ein Stück zu kreieren.

Marokko hat keine alte Theatertradition, doch in Tanger gibt es hervorragende Akrobaten. Es sind einfache Leute, die ihr Handwerk von den Eltern lernen, in Hotels auftreten und von Gelegenheitsjobs leben. Manche sind mit einem Zirkus unterwegs, wie die Akrobatenfamilie Hammich, die schon im Zirkus Knie zu bewundern war.

Die Juristin Sanae al-Kamouni fand, dass die Akrobaten ihr Potenzial auch künstlerisch nutzen und entwickeln sollten. 2003 machte sie ein Casting, gründete die Groupe Acrobatique de Tanger und überredete den französischen Regisseur Aurélien Bory, mit der Gruppe zu arbeiten. Das Resultat war «Taoub», ein spektakuläres, poetisches, exotisch angehauchtes Nouveau-Cirque-Stück. Vier Jahre war sie international auf Tournee, dann brauchte die Truppe dringend ein neues Stück, um ihr Überleben zu sichern. Sanae al-Kamouni klopfte bei Zimmermann & de Perrot an. Eine grosse Aufgabe für das Zürcher Duo. Noch nie hatten sie mit einer so umfangreichen Truppe gearbeitet. Zudem sprechen alle zwölf Akrobaten nur Arabisch, und die neuen Mitglieder hatten keinerlei Theatererfahrung. Dazu kamen die kurze Probenzeit von drei Monaten und der Erfolgsdruck, das Fortbestehen der Gruppe zu garantieren.

Das Kunststück ist ihnen geglückt. «Chouf Ouchouf» ist ein mitreissendes Stück, aber keine glatte Tournee-Produktion und weit entfernt von jedem Ethnokitsch. Unverkennbar Zimmermann & de Perrot ist das karge Bühnenbild, das aus fünf fahrbaren Türmen besteht: Personen verschwinden darin und tauchen wieder auf, stürzen sich waghalsig von ihnen herunter; und in einer der stärksten Szenen retten sich alle hinauf nur einer schafft es nicht und bleibt verzweifelt zurück.

«Schau, aber schau genau!»

Solche theatralen Szenen sind für die Artisten Neuland, doch sie meistern sie erstaunlich gut. Zimmermann und de Perrot haben gezielt daran gearbeitet, die zehn Männer und zwei Frauen nicht als gesichtslose Artisten zu zeigen, sondern als individuelle Figuren zu zeichnen. Dadurch fliesst auch ihr Alltag ins Stück ein, ihre Nebenjobs, ihre Religion, ihre liebsten marokkanischen Popsongs. Die physische Präsenz der Truppe ist mitreissend. Geradezu umwerfend ist es, wenn sie sich zur Pyramide aufbauen, so über die Bühne rennen und dazu auch noch Lieder singen.

Doch neben Artistik und Körperkomik gibt es auch ernste Momente und immer wieder wunderschöne arabische Lieder. Deren Texte werden nicht übersetzt, genauso wie manche vieldeutigen Szenen nicht erklärt werden. «Chouf Ouchouf» heisst auf Arabisch: «Schau, aber schau genau!» Bis die Produktion im nächsten August nach Zürich kommt, wird das Team gut eingespielt sein. Und wird uns dann mit viel Energie beweisen, dass dreistöckige Turnerpyramiden nichts Helvetisches, sondern eine urmarokkanische Spezialität sind. (Der Bund)

Erstellt: 23.10.2009, 11:06 Uhr


Liveschiff mit Plüsch

Am 1. Juni 2012 gastieren die Berner Oberländer Mundartrocker auf dem Thunersee.

Studienberaterin gibt Tipps

Wie man ein Fernstudium erfolgreich meistert

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.