Die Provokation des Unbewussten
Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 19.10.2009
Dampfzentrale Bern
Ultima Vez eröffnet heute das Festival Tanz in. Bern. Donnerstag, 15. Oktober, 19.30 Uhr. Weitere Vorstellung: Freitag, 16. Oktober, 19.30 Uhr. www.dampfzentrale.ch.
Der «wilde Wim» eröffnet heute Abend in der Dampfzentrale Bern das Festival Tanz in. Bern. Viele wirds freuen, es ist ein Wiedersehen. Bereits zwei Mal seit 1992 hat der Belgier hier im Rahmen der Berner Tanztage für Aufruhr und stürmische Begeisterung gesorgt. Wim Vandekeybus bewegt sich an den Grenzen des Physischen, wenn er mit seiner Gruppe die Bühne stürmt. Wer sich auf ihn einlässt, muss bereit sein, einiges auszuhalten – egal ob er Tänzer ist oder Zuschauer. Vandekeybus provoziert die Tiefen des Unbewussten. Das gilt für seine früheren Kreationen, die mittlerweile auf der ganzen Welt gezeigt werden. Und es gilt für seine jüngste. Sie trägt den Titel «nieuwZwart», «Neues Schwarz».
«Schwarz ist die abstrakte Farbe der Urinstinkte und der Träume», sagt der Tänzer, Choreograf und Filmemacher, der neben Anne Teresa De Keersmaeker, Jan Fabre oder dem in Brüssel ansässigen Schweizer Thomas Hauert zu den innovativsten Exponenten der belgischen Tanzszene gehört. Seine atemraubenden Grossstadtvisionen ziehen in Bann durch die unbändig pulsierende Energie, die sie durchströmt.Kaum zu glauben, dass der heute 46-Jährige ursprünglich ein Landei war. Wim Vandekeybus wuchs als Sohn eines Tierarztes auf. Dieses Umfeld habe ihn geprägt und inspiriert, sagt er. «Wenn die Bauern um Hilfe riefen, dann musste es schnell gehen.» Hektik, Spannung, Ungewissheit, Ängste und Emotionen bis zur Katastrophenstimmung – das Spektrum umspannt die Gefühle, die man in seinen Stücken findet. Erklären mag Wim Vandekeybus seine Arbeiten nicht. Er wolle sich nicht festlegen, sagt er. «Ein Stück hat ein Eigenleben. In ihm spiegelt sich auch der Betrachter. Der eine sieht dies, der andere das.» So bleibt sein Mysterium die Suggestion.
Lust am Nervenkitzel
Wim Vandekeybus begann ein Psychologiestudium und studierte Fotografie, bevor er sich als Autodidakt dem Tanz zuwandte. Die Zusammenarbeit mit dem avantgardistischen Choreografen Jan Fabre gab die Initialzündung, dass er seine Company gründete. Ultima Vez lautet ihr Name, übersetzt: das letzte Mal. Es ist eine treffende Bezeichnung für eine Tanztruppe, die aus Prinzip am existenziellen Limit läuft und bei jedem Auftritt Energien mobilisiert, als ginge es um Tod und Leben. Und um das geht es auch.
Die grosse Lust am Nervenkitzel erwachte in den 1980er-Jahren. Das Spiel mit dem Körper und seinen Sensationen wurde neu entdeckt. Reality war das Schlüsselwort. Keine doppelten Böden oder Sicherheitsnetze mehr, wie sie Film und Theater propagierten. Was gefährlich und risikoreich aussieht, musste es ab sofort auch sein. Statt der Technik stellte man wieder den Menschen und seine Eigenverantwortung in den Mittelpunkt. Die Einschätzung einer Situation und das Können eines Tänzers entscheiden darüber, wie der Spass ausgeht. Fantastisch oder fatal.
Kein poetischer Kuscheltanz
Bereits das erste Stück, das Wim Vandekeybus herausbrachte, und mit dem er 1988 in New York den Bessie Award, den Tanz-Oscar, gewann, präsentierte keinen poetischen Kuscheltanz. «What the Body Does Not Remember», so der Titel, gab sich hemmungslos, gewaltig und tempogeladen. Ein tänzerischer Kamikaze-Akt: Die Kraft der Bewegung öffnete Schleusen, riss die Tänzer in Abgründe. Im grossen Flimmern aus Licht, Laut, Filmbild und Bewegung flogen die Körper wie Fetzen durch die Luft. Einmal warfen die Tänzer mit rohen Eiern, einmal mit Ziegelsteinen. Rasend schnell flogen die kantigen Geschosse in die Höhe. Und die Tänzer verharrten todesmutig, bis jemand sich dazwischen drängte, um den stürzenden Ziegel aufzufangen. Typisch Vandekeybus. Das Timing stimmte.
Die emotionelle Authentizität macht den Reiz von Wim Vandekeybus’ unberechenbaren Szenarien aus, in denen die Grenzen physischer Möglichkeiten und menschlicher Existenz ausgelotet werden. Aggressiv sei er, heisst es oft. Er versteht das nicht. Intensität interessiere ihn, nicht Aggressivität. Soeben hat er seine Truppe, die er als einen einzigen Körper versteht, einem Generationenwechsel unterzogen. «Keiner der Neuen wusste, wie ich arbeite, was ich will», sagt er. «Ich musste meine Arbeitsweise überdenken.» Vier Tänzer, drei Tänzerinnen und ein Schauspieler treffen in «nieuwZwart» auf drei Live-Musiker. Unter ihnen ist Mauro Pawlowski, Mitglied der international bekannten Rockband Deus. «Seine Rhythmen zielen direkt auf den Bauch, aufs Unbewusste.» Da treffen sie sich, der Musiker und der Choreograf. (Der Bund)
Erstellt: 19.10.2009, 14:12 Uhr
Bern
Liveschiff mit Plüsch
Am 1. Juni 2012 gastieren die Berner Oberländer Mundartrocker auf dem Thunersee.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!






