Das antrainierte Geschlecht
Stichworte
Durch eine sterile Airport-Lounge mit verschiebbaren Ledersitzen wabern elektronische Klanggebilde. Die schwelende Atmosphäre gebiert willenlose Wesen in Geschäftskleidung und Highheels, Frauen mit fratzenhaften Masken, die sich nicht bewegen, sondern bewegt werden. Denn wie Dummies die Trägheit des menschlichen Körpers simulieren, so fehlt auch den Tänzerinnen in «Showroomdummies», einer Produktion der beiden französischen Choreografen Gisèle Vienne und Etienne Bideau-Rey, jeglicher innerer Antrieb. Körperteile fliegen durch die Luft wie in einer Slow-Motion-Aufnahme eines nachgestellten Autounfalls, träge Masse wirft sich in Form eines wohlgeformten Frauenkörpers über eine Sitzlehne. Beine knicken ein, Köpfe und Arme hängen vornüber. Geschmackvoll gekleidete, ansonsten fast unsichtbare Männer hieven ihre «Dummies» über die Bühne oder stossen sie zu Bewegungsabläufen an. Nur das Posieren und Präsentieren von unbelebten Körpern gelingt von alleine.
Kalt und schön
Peter Rehbergs ohrenbetäubende Kompositionen schaffen eine brachliegende Szenerie, in der menschliche Regungen abgestorben sind und leblosen Frauen eine verstörende Anmut eigen ist. Beinahe schwebend setzen sie ein makelloses Bein vor das andere, kalt und schön, wie die im Hintergrund aufgereihten Schaufensterpuppen, die man als Zuschauer erstaunlich lange für echte Menschen hält.
Modellposen werden wiederholt aufgenommen, aus einem apathischen Delirium heraus werden die Figuren willkürlich bewegt. Vienne und Bideau-Rey spielen in ihrem Tanzstück mit der sowohl verzaubernden wie beklemmenden Ausdruckslosigkeit der «Showroomdummies» und stellen auf sehr stimmungsvolle Weise dar, wie gesellschaftlich antrainiert das Performen des Geschlechts, insbesondere des weiblichen, sein kann. Und so betritt zu guter Letzt ein Mann in Highheels und mit Frauenmaske die Bühne und entlarvt das Weibliche als austauschbares Gut, indem er dieses ebenfalls reproduziert.
Nackte Bubenspiele
In der 30-minütigen Produktion «Still difficult duet» von und mit Peter Ampe und Guilherme Garrido hingegen sind die Geschlechterrollen klar verteilt. Nach einer kurzen, schüchternen Ansprache ziehen sich beide unverhohlen aus und starten einen kleinen, Testosteron versprühenden Zweikampf, etwas zwischen Pausenhof-Prügelei und Bubenspielen.
Abgestreifte Konventionen
Was mit rhythmischem Auf-und-ab-Springen beginnt, endet mit zwei nackten Ringenden: Spielerisch reihen Ampe und Garrido körperliche Akte auf einer leeren Bühne aneinander und erzeugen durch ihre vollkommene Nacktheit einen ursprünglichen, fast kindlichen Witz. Statt Musik ertönen die Geräusche keuchender, schnaufender Leiber – gesellschaftliche Konventionen sind mit dem letzten Stück Stoff abgestreift.
Das Festival Tanz in. Bern dauert noch bis zum 31. Oktober. www.dampfzentrale.ch. (Der Bund)
Erstellt: 22.10.2009, 08:30 Uhr
Bern
Liveschiff mit Plüsch
Am 1. Juni 2012 gastieren die Berner Oberländer Mundartrocker auf dem Thunersee.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!






