Bern

Amazonen und Animationsfiguren

Von . Aktualisiert am 19.10.2009

In «Gustavia», der Produktion der beiden Choreografinnen Mathilde Monnier aus Frankreich und der Schweizerin La Ribot, werden glücklicherweise Klischees vermieden

In einem mit schwarzem Samt verhangenen Raum treten zwei Frauen vors Mikrofon und beginnen weinerliche Laute von sich zu geben, erst leise, dann immer klagender, bis unerbittlich die Tränen kullern. Zwei Tänzerinnen in einem Variété entblössen rhythmisch und mit zunehmender Verbissenheit ihre Knie. Ein langes Brett wird auf der Schulter getragen und mit brüsken Umdrehungen dem Gegenüber an den Kopf gehauen. In «Gustavia», der Produktion der beiden Choreografinnen Mathilde Monnier aus Frankreich und der Schweizerin La Ribot, werden glücklicherweise Klischees vermieden, Vorhersehbares dafür bis ins Absurde überzeichnet und Slapsticks bis ins Letzte ausgeschöpft.

Dadurch gehen Monnier und Ribot auf äusserst vergnügliche Weise der Frage nach, was eine Frau denn ausmacht. Frauenkörper werfen sich in Situationen wie ins Abendkleid, hingebungsvoller Wille endet in entfremdeter Anstrengung. Das einstündige Tanzstück schafft es tatsächlich, die Frage nach Weiblichkeit und Frausein zu stellen, obwohl es stellenweise ins allzu Sketchhafte abzurutschen droht. Dort aber, wo zwei amazonenartige Frauen durch impulsive Auftritte und fern von jeglicher Anmut Befremden erzeugen, dort setzt «Gustavia» zu einer spannenden Reflexion an. Ein Ansatz, den zu vertiefen sich gelohnt hätte, trotz herausragenden Slapstickeinlagen.

Aufs Ganze gehen der österreichische Choreograf Chris Haring und seine Tanzkompanie Liquid Loft. In der grossartigen Produktion «Running Sushi» werden ein Mann und eine Frau auf einem leuchtenden rechteckigen Sockel zu Gefühlsrobotern, die sich zu Computersounds bewegen. Körper werden bis ins Letzte dekonstruiert, menschliche Glieder amputiert und als isolierte Masse zum Erzeugen von Ausdruck verwendet. Liquid Loft zeigt so, in was für Einzelteile sich eine konstruierte Realität zerlegen lässt: Selbst als das Paar ganz ohne Kleider daliegt und wie die Protagonisten aus einem kitschigen Animationsfilm ein Liebeslied singt, scheint die Nacktheit, als wäre sie gar nicht, was sie ist. (eye) (Der Bund)

Erstellt: 19.10.2009, 14:15 Uhr


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